Greece on Film
Griechenland hat für mich eine tiefe Bedeutung und das nicht nur aus familiärer Sicht. Schon seit meiner Kindheit besuchten wir Griechenland fast jeden Sommer und waren immer froh, nach sehr langer Zeit unsere griechische Familie wiederzusehen – besonders meine Uroma und meinen Uropa habe ich noch gut in Erinnerung. Mein Uropa litt unter Demenz und ist 2007 daran verstorben – ich weiß noch ganz genau, wie er immer die Terrasse runtergespuckt hat, weil er nicht mehr wusste, wie man trinkt. Meine Uroma ist 2020 verstorben – auch hier habe ich noch einige Erinnerungen, aber leider nur aus der Zeit, als es ihr schon schlechter ging. Sie aß immer Marmelade aus dem Glas, während wir zusammen auf der Terrasse gefrühstückt haben. Immer wenn wir angekommen sind, freuten sich alle, uns wiederzusehen. Meine Uroma drückte mich so fest, dass ich immer keine Luft bekommen habe. Die ganze Atmosphäre blieb mir immer sehr positiv in Erinnerung – die ganze Familie unter Sternenhimmel auf der Terrasse, Opa und Christos grillten selbst gefangenen Fisch, der Geruch von Souvlaki und der knirschende Holzboden aus der Küche meiner Uroma. Jeden Abend saßen wir noch sehr lange draußen, die Erwachsenen unterhielten sich, tranken Ouzo und mein Bruder und ich lagen auf Strandliegen und schauten in den Sternenhimmel.
Meine Eltern und Großeltern haben mir immer mal wieder erzählt, wie es früher so war in unserem Dorf und Griechenland. Ich war noch zu klein oder gar noch gar nicht geboren, als meine Urgroßeltern noch richtig fit waren. Meine Uroma kochte jeden Tag für uns ein großes Festmahl: Moussaka, Pastitsio, Gemista, Fisch oder Bohneneintopf. Obwohl wir in der unteren Wohnung unseres Hauses, welche unsere Urgroßeltern für uns gebaut haben, eine Küche haben, war es uns verboten selbst zu kochen, um ihr die Arbeit abzunehmen – sie hat darauf bestanden und es sehr gerne gemacht. Griechische Herzlichkeit eben.Die Terrasse unter Sternen
Ich weiß auch noch ganz genau, wie der Morgen immer war. Mein Bruder und ich haben immer lange ausgeschlafen, und wenn wir aufgewacht sind, hörten wir immer die Familie oben auf Griechisch reden. Auch das Geräusch des Terrassengeländers schallte über die Wände bis in das Schlafzimmer; die Tauben hörte man auch jeden Morgen und natürlich auch die Dorfkirche, die immer viel zu früh „Lärm“ gemacht hat. Nach dem Aufstehen gingen wir hoch, um zu frühstücken. Alle saßen schon da und meine Patentante Vanessa machte jeden Morgen ihren Frappé im Shaker. Unsere liebevolle Großtante Anna habe ich auch noch gut in Erinnerung; sie war immer so herzlich zu uns. Aufgrund ihrer Krankheit MS war sie die meiste Zeit im Bett. Anna, Vanessa und Christos wohnen eigentlich in Athen, aber jeden Sommer haben wir in diesem schönen Haus zusammengefunden. Anna war immer im Wohnzimmer ganz hinten, da wo auch der Balkon ist. Sie hat die Klimaanlage immer so kalt gemacht, der Raum glich förmlich einem Kühlschrank. In diesem Wohnzimmer war auch ein großer Esstisch, auch hier haben wir manchmal gefrühstückt. Ich weiß noch, wie meine Uroma immer Tiganites zum Frühstück gemacht hat – das sind griechische Pfannkuchen. Ich weiß noch, wie ich die in diesem Zimmer gegessen habe. Bis heute liebe ich dieses Gebäck und es weckt immer tolle Erinnerungen. Meine Großtante Anna hatte in diesem Zimmer auch ihr Bett. Neben ihrem Bett war eine Kommode mit tausenden Cremes und Parfüms. Leider ist Anna 2022 an ihrer Krankheit verstorben. Alles, was bleibt, sind wertvolle Erinnerungen, Gerüche, Geräusche, Bilder aus meiner Kindheit in Griechenland. Bis heute hat sich leider vieles verändert.
Fremdes Licht in Uromas Zimmer
Von 2019 bis 2023 waren meine Eltern, mein Bruder und ich nicht mehr in Griechenland. Wir wollten erst ein bisschen Abwechslung und sind dann erst nach Italien gereist. Dann kam die Corona-Pandemie und eine Reise nach Griechenland war nicht mehr möglich. Erst 2023 sind wir dann nach vier Jahren wieder nach Griechenland geflogen, und es war wundervoll wie immer: das Dorf, die Menschen, die Läden, die Restaurants, die Geräusche, die Gerüche – alles ist natürlich gleich geblieben. Trotzdem hat sich aber was verändert; durch die Erbschaft gibt es die gewohnte Terrasse unter dem Sternenhimmel nicht mehr für uns. Da, wo uns früher unsere Uroma empfangen hat, leben heute andere Menschen. Die obere Wohnung wurde vermietet. Jetzt sind die Geräusche anders – keine lauten Gespräche, kein knarzender Holzboden aus der Küche, keine griechische Großfamilie, die einem „Kalimera“ sagt, keine griechischen Gespräche im Hintergrund beim Frühstück. Auf einmal wohnen da fremde Menschen, die haben ihre Autos in unserer Einfahrt.
Jetzt ist die Terrasse unter den Sternen woanders: eine provisorische, klapprige Holzterrasse links neben unserer Wohnung. Man läuft nicht mehr die Treppe hoch und öffnet das Stahlgeländer; jetzt läuft man über die Betoneinfahrt, durch zwei Büsche, über trockene Erde auf die Terrasse. Es ist nicht schlecht, aber es ist ganz anders. Mal davon abgesehen sind wir jetzt viel zu nah an der Straße – die Straßenlaternen stören die Sicht in den Sternenhimmel. Von der Terrasse schaue ich auf unser Haus – da brennt Licht oben im Schlafzimmer meiner Uroma.
Heute bleiben uns wundervolle Erinnerungen an die Zeit. Alles, was da ist – die Zikaden im Hintergrund, die lauten Motorräder, der singende Pastor, die läutende Dorfkirche, die netten Nachbarn, die einem ein „Kalispera“ zurufen – weckt immer ein warmes Gefühl in mir. Es ist eben ein Teil von mir. Meine Cousine zweiten Grades, Martina, die ein Hotel hat, macht uns immer ein super tolles Frühstück. Da für sechs Leute kein Platz in der Wohnung ist, schlafen meine Eltern bei ihr im Hotel. Mein Bruder und ich sind dann mit unseren Großeltern in der Wohnung – auch weil wir seit einigen Jahren immer etwa einen Monat oder länger da bleiben. Alles nur, weil unsere Urgroßeltern uns dieses wundervolle Zuhause gebaut haben. Und das ist es wirklich. Es ist ein Zuhause. Wenn wir mit unseren Großeltern frühstücken, holen wir immer Brot vom Bäcker die Straße runter. In unserem Dorf ist alles, was man braucht, in unmittelbarer Nähe, auch wenn es nur ein kleines, abgelegenes Dorf ist. Das ist aber in der Gegend so: alles kleine Dörfer, und die nächste Stadt Paramythia ist etwa 40 Minuten entfernt. Es ist schön, dass die Leute im Dorf und an den Stränden einen wiedererkennen und wir sie auch wiedererkennen – das stärkt dieses Zuhause-Gefühl noch einmal besonders. Meine Oma hat mir mal erzählt, wie dieses Gefühl eigentlich für meinen Uropa war. Sie sagte, dass mein Uropa von Kypseli runterblickte und sagte, dass dies hier „New York“ für ihn sei. Für meine Oma war es als Kind auch wie New York, mal in so eine kleine Stadt wie Paramythia zu kommen – so ist das Dorfleben eben. Direkt vor unserem Haus ist ein schönes kleines Natursteingebäude – kaum zu glauben, aber in diesem Gebäude war früher eine Schule, in der meine Oma unterrichtet wurde. Heute ist es eine Art Verwaltungs-/Kulturgebäude für die Gemeinde. Ab und zu finden neben dem Gebäude unter freiem Himmel Theateraufführungen statt – direkt gegenüber von unserem Haus.
Uropas NewYork
Die Strände in Griechenland sind bekannterweise traumhaft. Von unserem Dorf aus sind es etwa 20 Minuten bis zur Küstenregion. Man fährt eine wunderschöne Route über die Landstraße durch zahlreiche Dörfer, die wir wahrscheinlich noch nie besucht haben. An der Küstenregion hat man dann eine Auswahl von vier verschiedenen Stränden, alle mit ihrer eigenen Charakteristik. Loutsa ist ein sehr schöner Strand zum Liegen und Lesen, er ist etwas touristenintensiv. Es ist immer sehr voll zur Hauptsaison und er ist sehr, sehr lang. Der Vorteil ist, dass man zwischen sehr vielen Lokalen auswählen kann, welche immer sehr viele Liegen am Strand anbieten. Wir haben unseren Stammplatz seit sehr vielen Jahren. Es gibt Fotos von mir als Kind in Loutsa – ich bin immer wieder erstaunt, das ganze Grün auf dem Hang zu sehen. Heute ist alles zugebaut. Das ist eben die Entwicklung, die durch den Tourismus entstanden ist. Ich werde später noch schreiben, wo mich diese Entwicklung besonders getroffen hat. Dann gibt es noch die Strände Alonaki, Skala und Ammoudia. Skala und Alonaki sind meine Lieblingsstrände. Es sind eigentlich reine Naturstrände. Hier ist nichts künstlich aufgeschüttet worden. Alles ist so, wie die Natur es geschaffen hat; das Wasser ist klar und hellblau und es ist umgeben von einer wundervollen Küstenlandschaft. Ammoudia ist ein sehr flacher Strand. Hier braucht es einige Minuten durch das Wasser, bis man nicht mehr stehen kann. Aber auch hier ist es sehr touristisch und es wirkt nicht wie ein Naturstrand.
Der Schock, auf den ich jetzt eingehen möchte, fand in Alonaki statt. Ich weiß noch ganz genau, wie dieser Strand früher noch total leer und unbekannt war – es war wie ein Geheimtipp. Da waren keine Strandliegen, keine Bar, keine Treppe. Man musste selber alles mitbringen, was man für einen schönen Tag am Strand eben brauchte. Früher bin ich mit Christos hier tauchen gegangen. Wir haben uns bunte Fische angeschaut und Christos hat einige Fische mit einer Harpune gefangen. Diese haben wir dann später gegessen. Christos hat mir auch beigebracht, wie man Fische am Fluss angelt. Mit etwas Angelschnur, einer Plastikflasche und Brot mit Feta habe ich am Acheron, einem Fluss in unserem Dorf, meine erste Forelle gefangen. Aber zurück zum Strand in Alonaki: Da ich ein neugieriges Kind war, habe ich Seeigel gefangen und in einen gelben Eimer mit Wasser gelegt. Ich habe dann beobachtet, was die so machen, und sie auch mit nach Hause genommen – ziemlich brutal, wenn ich ehrlich bin. Ich weiß auch nicht, warum mir das erlaubt wurde.
2023 war ich dann richtig geschockt zu sehen, wie sich dieser Naturstrand entwickelt hat. Nun gibt es eine Bar, eine einigermaßen befestigte Treppe, Strandliegen und hunderte Menschen, die diesen Geheimtipp auf den sozialen Medien geteilt haben. Man kann jetzt auch am Hang sitzen und sich einen Frappé bestellen. Es ist zwar auch irgendwie schön, aber ehrlich gesagt schadet es dem Ort enorm. Früher hatten die Pflanzen im Wasser noch Farbe. Die Steine waren teilweise mit einer rosa Pflanzenschicht bedeckt. Heute ist diese Schicht braun. Direkt an der Küste sieht man eine dünne Ölschicht auf dem Wasser – vermutlich von der Sonnencreme. Auch die ganzen bunten Fische findet man nur noch weiter draußen am großen Felsen, wo die Menschen immer hochklettern und runterspringen. Mein Bruder und ich fahren gerne mit unserem SUP raus, kurz über das etwas offenere Meer und wieder zurück zu den anderen, unzugänglichen Buchten. Hier ist es wunderschön: unberührte Natur, klares und knallblaues, leuchtendes Wasser. Ab und zu fahren wir auch in die Höhlen, die es dort zahlreich gibt. Hier müssen wir immer aufpassen, dass keine scharfen Steine unser SUP zerstören. Das ist eigentlich eine der schönsten Sachen am Strand, auch wenn wir das jetzt schon hundertmal gemacht haben. Das leichte Schaukeln, das Rauschen des Meers, die wunderschöne Natur, das leuchtend blaue Wasser. Kaum zu glauben, dass all das nur 20 Minuten von unserer Haustür entfernt ist.
Vom Blau und vom Öl
Am Parkplatz in Alonaki sieht man alte Ruinen. Hier war früher mal so etwas wie ein Feriencamp. Meine Oma hatte hier in ihrer Kindheit ein Wochenende verbracht – ganz ohne Strom. Gewaschen wurde sich unten am Strand. Die meisten Menschen, die heute dorthin kommen, kennen diese Geschichte wahrscheinlich nicht.
Was man eigentlich gar nicht beschreiben kann, ist dieses Licht. Dieses goldene Licht in Griechenland – sowas gibt es in Deutschland einfach nicht. Alles wird dadurch viel intensiver, alles bekommt so eine tolle Farbe. Besonders auf Film sieht es einfach extrem geil aus und vermittelt genau diese Atmosphäre, die ich meine. Es ist so ein tiefes Gold, ein Orange, ein Gelb, das sich über alles legt. In diesem Moment bekommt alles eine super warme, tolle Stimmung. Alles leuchtet, alles wird schön und die Zeit bleibt für einen kurzen Moment stehen. Man vergisst alles um sich herum. Die Texturen treten hervor, die Schatten werden super lang. Die Landschaft, die Felsen, die Pinien und der Oleander – diese pinken Blumen leuchten dann fast lila. Die Orangen in den Feldern oder die Zitronen, alles strahlt so krass. Von unserem Haus aus kann man beobachten, wie dieses Licht langsam die Berge hochzieht und alles in dieses warme Glühen taucht. Es ist unbeschreiblich, man muss es einfach gesehen haben.
Wenn die Berge glühen
Das ist sie eben, die Geschichte dahinter. Die Erinnerungen, die Familie – all das macht diese Verbindung zu Griechenland aus. Ich könnte wahrscheinlich noch tausend Zeilen schreiben.
„Greece on Film“ ist für mich deshalb mehr als nur ein Fotoprojekt. Seit 2024 versuche ich, genau das festzuhalten: diese Atmosphären, die ich dort spüre. Ich will diese Momente einfrieren, bevor sie sich weiter verändern. Das echte Leben zeigen, abseits der Touristenpfade. Wie die Griechen ihr Land fühlen. Jeder Ort riecht anders, klingt anders. Und für mich funktioniert das nur auf Film. Nicht aus Nostalgie, sondern weil dieses analoge, chemische Medium für mich das einzige ist, das wirklich „lebt“. Ein lebendiges Format für ein lebendiges Land.
Ich fotografiere die Landschaft, die Straßen, die Menschen im Dorf. Eigentlich ist es ganz einfach: Ich hoffe, dass ich dieses Gefühl der Terrasse unter den Sternen durch meine Bilder wiedergeben kann. Dass man es spürt, wenn man sie ansieht.